Slowenischer Hochalpinweg Tag 14 – Verbrennung
Start: Trenta
Ziel: Hütte Majerca
Strecke: 26 km
Aufstieg: 1800 hm
Abstieg: 1100 hm
Der fünfzehnte Tag begann unspektakulär – mit einem kurzen Abstecher in den Laden, um meine Vorräte aufzufüllen. Danach ging es wieder hinauf in die Berge. Die eigentliche Herausforderung des Tages wartete gleich zu Beginn: Über 1.400 der insgesamt 1.800 Höhenmeter lagen auf den ersten zehn Kilometern. Immerhin versprach das nach der ersten Anstrengung etwas Entlastung.


Es ist jedes Mal erstaunlich, wie sich Höhenmeter über einen Tag hinweg summieren. Selbst Etappen, die auf dem Papier überwiegend bergab verlaufen, enden oft mühelos im vierstelligen Bereich. Dieser Tag machte daraus keinen Hehl.
Wie die gesamte Tour über begleitete mich mein Garmin 67i. In erster Linie trage ich es als Notfallgerät – für den Fall, dass wirklich einmal etwas passiert. Daneben nutze ich es zur Navigation und zur Aufzeichnung der Strecke. Trotzdem blieb ein mulmiges Gefühl: Immer wieder verlor das Gerät kurzzeitig das GPS-Signal, der Pfeil sprang ziellos über die Karte. Für ein Gerät in dieser Preisklasse hätte ich mir mehr Verlässlichkeit gewünscht. In den Bergen will man sich darauf verlassen können, dass Technik tut, was sie soll.


Nach dem langen Aufstieg erreichte ich schließlich eine Hütte, die zugleich den höchsten Punkt des Tages markierte. Ich parkte dort meinen Rucksack und machte mich auf den Weg zu einem nahegelegenen Bergsee, um Wasser aufzufüllen – ein kleiner Umweg, den ich gerne in Kauf nahm. Ohne Gepäck durch diese Landschaft zu gehen, fühlte sich an wie eine kurze Befreiung. Slackpacking, wie es erfahrene Wanderer nennen.
Dieser Tag war ein Fest für die Sinne. Die Landschaft wechselte in einem Tempo, das mich immer wieder glauben ließ, in völlig neue Regionen geraten zu sein. Vom Wald entlang eines Baches ging es hinauf in ein schroffes Schottergebirge, dann über in eine glatte, fast surreal wirkende Felslandschaft. Ein weites Plateau öffnete sich, bevor ich plötzlich zwischen glasklaren Seen stand. Nach und nach wurden die Bäume dichter, der Boden weicher, die Wege flacher und gutmütiger.



Offenbar war Wochenende. Irgendwann verliert man jedes Gefühl für Wochentage, wenn sich das Leben nur noch an Aufstiegen, Pausen und Schlaf orientiert. Doch die Menge an Menschen auf den Trails verriet es. Immer wieder machte ich es mir zur kleinen Herausforderung, die nächste Gruppe zu überholen – Amerikaner, Franzosen, Slowenen. Deutsch hörte ich erstaunlicherweise kaum. Merkwürdig. Normalerweise sind wir Deutschen doch überall.
Am größten der Seen legte ich eine längere Pause ein, kühlte mich ab und aß zu Mittag. Das Wasser war eiskalt. Mein Körper reagierte sofort: Der Puls schoss in die Höhe, mir blieb kurz die Luft weg – eine Mischung aus Überhitzung, Erschöpfung und Kälteschock, die mir für einen Moment alle Energie aus den Knochen zog.


Nach dem Essen übermannte mich eine Müdigkeit, der ich nichts entgegensetzen konnte. Ich legte mich ins Gras – und war weg. Eine Dreiviertelstunde kompletter Blackout. Erst später sollte ich merken, dass diese Pause ihren Preis hatte: Die Hautpartien, die ich nicht eingecremt hatte, färbten sich tiefrot.

Auf dem Weg zur Abendhütte veränderte sich die Landschaft ein weiteres Mal. Schluchten und sanfte Mulden, durchzogen von kleinen Nadelwäldchen, eröffneten einen Anblick, den ich so noch nicht erlebt hatte. Auf den Hochflächen reichte der Blick weit in die Ferne. Mit der zunehmenden Müdigkeit verließ mich allerdings auch mein Orientierungssinn. Ich verlief mich, musste mich durch dichtes Buschwerk zurück auf den markierten Pfad kämpfen. Es wurde höchste Zeit anzukommen. Ein letzter Kraftakt.


Als ich mein Tagesziel erreichte, saßen dort bereits viele Mitwanderer beisammen, tranken Bier und andere Erfrischungen. Die Einsamkeit, die mich die ersten zwei Wochen begleitet hatte, war plötzlich nur noch eine ferne Erinnerung, auf die ich fast wehmütig zurückblickte.
Das Essen auf den Hütten ist solide, aber vorhersehbar. In ganz Slowenien scheint es dieselbe kleine Auswahl zu geben: Gulasch, Gemüsesuppe, Sauerkrautsuppe und ein undefinierbarer Eintopf mit Getreide. Fast alles angereichert mit Fleisch, Wurst oder Schinken. Selbst der allgegenwärtige Apfelstrudel, auf den ich mich oft den ganzen Tag freue, enttäuscht meist. Der Kalorien wegen esse ich ihn trotzdem.


Abends schreibe ich ein paar Zeilen, lese, plane die nächste Etappe. Viel liegt nicht mehr vor mir. Mein Ziel war es, bis zum Ende der Julischen Alpen zu kommen – ein Punkt, den ich wohl in den nächsten zwei Tagen erreichen werde. Der eigentliche Trail endet an der Adria.
Für den direkten Weg dorthin fehlt mir die Zeit. Fünf oder sechs Tage, die ich nicht habe. Also beginne ich bereits jetzt, Alternativen zu planen: einen Abstieg, einen Weg nach Ljubljana, von wo aus mein Bus nach Österreich fährt.Der Gedanke daran fühlt sich merkwürdig an. Noch bin ich hier.
Aber das Ende ist plötzlich greifbar.


Entdecke mehr von HEVIKEJ
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.











No Comments