Slowenien Hochalpinweg – Tag 17 und 18
Es sollte ein kurzer Tag werden, da ab Mittag das Wetter umschwingen sollte. Wetterbericht scheint nicht gleich Wetterbericht zu sein – schaut man sich drei Berichte an, bekommt man drei verschiedene Ergebnisse. Alle hatten aber eines gemeinsam: Es würde regnen oder sogar ein Sturm aufziehen. So machte ich mich relativ zeitig auf den Weg. Nicht früh für meine Verhältnisse, aber für die der anderen Gäste.
Zum Aufwärmen ging es erst einmal 800 Höhenmeter hinauf auf den Vogel, von dem man einen tollen Ausblick auf die Julischen Alpen und den Triglav hat. Diesen habe ich in den letzten Tagen sicher von allen Seiten gesehen. Vom Vogel ging es tendenziell bergabwärts am Kamm entlang, mal etwas höher, mal etwas tiefer – über einen Pass oder durch eine Schlucht zum nächsten Kamm.

Der Morgen war kühl, sonnig, mit allmählich aufziehenden kleinen Wölkchen, die von Stunde zu Stunde vom stärker werdenden Wind vorangetrieben wurden. Irgendwann wurde der Wind so stark, dass ich mich oben auf dem Kamm sogar in ihn hineinlehnen musste, um nicht umzukippen. Bei richtig starken Böen habe ich kurz abgewartet, um in keinem Fall ein Risiko einzugehen. In der Ferne hatten sich die Wolken schon viel dichter zu schwarzen Bergen zusammengestaut. Blitze zuckten immer wieder durch sie hindurch. Zum Glück ließ sich der darauffolgende Donner etwas Zeit. Der Abstand reichte, um einigermaßen sicher in meiner Unterkunft anzukommen – einer Betonhütte auf dem Gipfel einer der Erhebungen.

Das Wetter kam von Italien aus dem Westen herüber, das Gewitter lag im Osten. Kurz vor meiner Ankunft riss sogar noch einmal ein Loch im Himmel auf. Sonnenstrahlen und Wind sorgten dafür, dass ich trocken ankam.
Die Erschöpfung schien mir ins Gesicht gemeißelt. Barbara, die Wirtin, bot mir direkt einen großen Topf Nudeln an, mit späterem Nachschlag. Ich tue mich generell schwer damit, mir einzugestehen, dass ich Limits habe.
Ich wollte unbedingt noch vor meiner Abreise, die bereits gebucht war, zu Fuß in Ljubljana ankommen. Ich hatte mir dafür schon eine Route gelegt, die noch über 70 Kilometer und 4.000 Höhenmeter für die kommenden zwei Tage vorsah – abweichend von der Route des Hochalpinwegs, den ich zeitlich ohnehin nicht mehr geschafft hätte.
Nach dem Essen ging es erst einmal ins Bett, in dem ich sofort in einen tiefen, winterschlafartigen Schlummer verfiel. Abends kamen noch zwei Wanderer an, die sich aus dem Tal durch den Regen geschlagen hatten. Einen von beiden habe ich dabei beobachtet, wie er sich draußen einer natürlichen Dusche unterzogen hat. Er meinte, er erträgt es nicht, sich verschwitzt ins Bett zu legen – eine Dusche gab es in der Hütte wiedereinmal nicht. Dann nehme er, was er kriegen könne.

Der restliche Tag war relativ ruhig. Ich habe noch ein wenig gelesen, den Tagebucheintrag vom Vortag geschrieben – das hatte sich inzwischen eingebürgert – und dann gab es auch schon Abendessen. Ich entschied mich wieder für die Nudeln. Inzwischen merke ich, dass ich mir zu wenig Energie zuführe. Mein Garmin zeigt einen Verbrauch von 1.000 bis 1.300 Kilokalorien pro Tag an – zusätzlich zum Grundbedarf. Keine Ahnung inwieweit das stimmt. Auf jeden Fall kann ich essen, so viel ich will, und werde nicht satt. Die Wirtin sieht es wohl als Herausforderung mir dies zu beweisen.
Mit meinen beiden Hüttengenossen habe ich mich noch ein wenig über Hararis Buch “21 Questions for the 21st Century” unterhalten. Ich kenne eigentlich niemanden, der seine Bücher gelesen hat und sie nicht großartig findet. Die Perspektiven, die er auf viele gesellschaftliche und historische Themen einnimmt, hat mich an seinen Büchern sehr beeindruckt.
Der Sturm war schließlich weniger stark ausgefallen, als es die Vorhersage vermuten ließ. Den Abstieg hätte ich laut Wirtin Barbara auch noch sicher am selben Tag machen können. Letztendlich war ich aber froh über eine Pause. Am nächsten Morgen schien wieder die Sonne. Ich hatte keine große Eile, mich auf den Weg zu machen. Erst einmal ausgiebig frühstücken. Keiner in der Hütte schien sich so recht unterhalten zu wollen.

Dann ging es los. Für diesen Tag war geplant, die den Hochalpinweg zu verlassen und auf der anderen Seite meine selbst geplante Route zu beginnen. Noch 70 Kilometer bis nach Ljubljana. Der Abstieg sollte am zweiten Kamm entlang verlaufen, dann recht schnell in den Wald eintauchen. Letzteres ist mir gelungen, und deshalb habe ich mir auch zunächst keine Gedanken über die Strecke gemacht. Ich war auf dem Holzweg schon viel zu weit abgestiegen, um noch einmal umzukehren.
Alternativ hätte ich entweder immer wieder am Grat entlang gemusst oder eben direkt ins Tal hinunter. Ich hatte mich ohnehin schon gequält und keine Lust auf Experimente. Daher entschied ich mich für den kürzesten Weg nach unten. Langsam merkte ich, wie kräftezehrend die letzten Wochen gewesen waren – nur ein einziger Pausetag in 18 Tagen , machten sich bemerkbar. Die Luft war raus, und ich verspührte keine große Lust mehr, noch den „Umweg“ bis nach Ljubljana zu wandern.

Zur Beruhigung kaufte ich mir erst einmal eine Tafel Schokolade und hielt den Daumen raus. Ich hatte noch weniger Lust, die Straße entlangzugehen. Ich hatte Glück. Prompt hielt jemand an. Ein Mann, der sehr bereist war, nahm mich mit. Wir unterhielten uns über das Leben nach dem letzten Krieg und die Zeit vor und nach Titos. Ich erzählte, wie eingeschränkt meine Eltern in der damaligen DDR gewesen waren, was das Reisen anging. Er berichtete, wie viele Freiheiten er als Slowene gehabt hatte. Mit einem jugoslawischen Pass standen einem offenbar die Türen zur Welt offen. In der DDR hingegen nur Richtung Osten.
Meine Eltern fühlten sich eingeschränkt und ergriffen die erste Gelegenheit zur Flucht in den Westen, die sie finden konnten. Er genoss Besuche in Berlin, Frankreich und den USA – und das zu einer Zeit, in der Fernreisen noch nicht so alltäglich waren wie heute. 1986, das Jahr, in dem ich geboren wurde.
Die Fahrt war nach drei Kilometern schon zu Ende. Er zeigte mir noch die Richtung zum Trail und machte sich auf den Weg zur Hauptstadt. Eine verpasste Chance? Sicherlich.
Der Trail war leider der falsche – ein Missverständnis. Ich war plötzlich wieder auf dem Hochalpinweg, nicht auf meiner Abweichung. Aber eigentlich war es egal. Ich hatte keine Lust mehr zu wandern, egal in welche Richtung.

Ich sendete ein Notsignal nach Hause. Sabrina antwortete prompt mit Vorschlägen für Alternativen. Sie motivierte mich, weiterzugehen oder einfach abzubrechen und früher nach Ljubljana zu fahren. Ein Blick auf die Karte genügte: Noch acht Kilometer und ein Hügel, dann war es vorbei.
Es ist interessant, wie sich bei mir kurz vor dem Ende von Wanderungen eine Unlust einstellt, weiterzugehen. Wo ich mir ein paar Tage zuvor nicht vorstellen konnte, irgendwo anders zu sein als in den Bergen, konnte ich es jetzt kaum erwarten, einfach nur auszuruhen. Ich träumte von einer heißen Dusche, jemandem, der mir etwas zu essen vorbereitet, einem Bett für mich allein, saubere Kleidung. Zivilisation. Schnell würde mir auch die Lust auf Stadt wieder vergehen. Ich bin da ein sehr ambivalenter Mensch. Es gibt nur Extreme – aber nie für lange Zeit.
Eigentlich ist es vollkommen egal, wie lange eine Wanderung ist. Habe ich das mir vorgenommene Ziel erreicht, steigt mein Kopf aus. Dann fehlt der Antrieb für mehr. Dieses Mal hatte ich mir 400 der reichlich 600 Kilometer bis zu den Julischen Alpen vorgenommen. Ganz bis zum Ende des Trails hätte ich es ohnehin nicht geschafft. Dafür hätte ich noch einmal sechs Tage mehr benötigt. Dann wäre ich immer noch eine halbe Woche schneller gewesen, als auf der offiziellen Website prognostiziert. Man bin ich ein flottes Kerlchen! Vielleicht nehme ich mir beim nächsten Mal einfach mehr vor. 🙂
Ich bin extrem zufrieden mit meiner Leistung. Die Landschaft war atemberaubender als erwartet. Ich würde Slowenien auf Platz drei oder vier meiner bislang gewanderten Routen setzen. Was mir etwas gefehlt hat, waren Flüsse und Seen zum Baden. Außerdem hat mir das Zelten gefehlt. Es wäre zwar nicht auf der gesamten Strecke einfach möglich gewesen, aber zur Abwechslung zwischen den Hütten gab es durchaus den ein oder anderen schönen Spot. An Proviant zu kommen wäre allerdings sehr schwierig gewesen, da es auf der ganzen Strecke nur wenige Möglichkeiten zum Einkaufen gibt. Hätte ich zwischendurch getrampt, wäre auch das kein Problem gewesen.
Ich habe mich in einem Örtchen namens Cerknica vom Trail abgesetzt. Was das für ein befreiendes Gefühl war, die Tour dort abzubrechen, ist kaum zu beschreiben. Als Erstes fragte ich einen Mann an einer Kreuzung, wo man am besten trampen könne. Er wies mir die Richtung. Am Ortsausgang wartete ich keine zehn Minuten, bis mich eine Slowenin bis zum nächstgrößeren Ort mitnahm. Von dort dauerte es keine fünf Minuten bis zur nächsten Mitfahrgelegenheit. Wirklich mitnahmefreundlich diese Slowenen.



Beide Fahrer waren sehr gesprächig, und so erfuhr ich – wie schon am Vormittag – viel über Slowenien. Mein genereller Eindruck, noch völlig unbefleckt, ist extrem positiv. Es ist ein kleines Volk mit gerade einmal zwei Millionen Einwohnern. Die Menschen, mit denen ich in Kontakt kam, waren durchweg freundlich und zuvorkommend – von einem osteuropäischen Volk habe ich mehr Kühle erwartet. Da sieht man einmal mehr, dass man nicht von einem auf das andere schließen sollte.
Wie ich erfuhr, sind sie Nachkommen eines Volkes, das seine Unabhängigkeit liebt. Diese haben sie nach dem Tod Titos erlangt und sehr viel daraus gemacht. Dem Land geht es richtig gut, mit starken Wachstumszahlen über viele Jahre hinweg. Die Sprache hingegen ist für mich fast unmöglich zu entziffern. Obwohl wir geografisch so nah beieinander liegen und Österreich das Land über Jahrhunderte geprägt hat, konnte ich – abgesehen von Apfelstrudel oder Radler – kaum Einflüsse aus der deutschen Sprache erkennen.
Die Liste der Wörter, die ich mir merken konnte, ist entsprechend kurz:
Voda – Wasser
Zdravo – Hallo
Dober dan – Guten Tag
Hvala – Danke
Kava – Kaffee
Jota – Sauerkrautsuppe
Dies ist das Ende einer Wanderung, die ich mir kaum traumhafter hätte vorstellen können. Ich wusste wie immer nicht, was mich erwarten sollte. Ich habe nur wenig Recherche betrieben und habe mich einfach nur so treiben lassen. Die Dinge, die mich am meisten überrascht hatten, waren die freundlichkeit der Menschen und deren Härte zugleich. Mir wurde viel Interesse und Hilfsbereitschaft entgegengebracht, die ich so in Mitteleuropa noch nicht erlebt habe. Übertrumpft wird es wohl nur von Neuseeland, wo mir regelmäßig ungefragt Gras angeboten wurde. Die Härte, da wohl hier schon Kinder, sobald sie laufen können, die mörderischen “Klettersteige” hinaufgejagt werden. Egal mit wem ich mich unterhalten habe, von Kletterausrüstung wollte hier keiner etwas wissen. Ganz im Gegenteil wurde mir sogar mehrmals von einem Klettergurt abgeraten. Kaum zu glauben, bei den halsbrecherischen Routen, die die Slowenen hier in den Fels gezaubert haben. Es gab für mich bis jetzt weniger Wanderungen, bei denen ich so oft zwischen körperlicher Erschöpfung und Angst einen falschen Schritt zu machen, stand. Nur weil eine Strecke auf einer Karte eingezeichnet ist, muss sie noch lange nicht einfach zu bewandern sein. Naja, einfach nicht zurückschauen, dann klappt das schon.
Gerne komme ich noch ein weiteres Mal in dieses wunderschöne Land zurück. Beim nächsten Mal dann mit meinem Zelt.

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